Warum alte Cognacs nach getrockneten Früchten, Marzipan und edlen Hölzern schmecken

Wer zum ersten Mal einen sehr alten Cognac verkostet, erlebt häufig eine Überraschung. Obwohl weder Datteln, Aprikosen, Mandarinen noch Marzipan jemals Bestandteil der Herstellung waren, tauchen genau solche Aromen regelmäßig in den Verkostungsnotizen lange gereifter Cognacs auf.

Unser Mauxion 19.38 bildet dabei keine Ausnahme. Seine Noten von getrockneten Früchten, Marzipan, Zimt, Bergamotte und feinen Holzgewürzen wirken beinahe wie die Beschreibung eines opulenten Desserts.

Doch wie entstehen diese Aromen überhaupt? Die Antwort liegt in einem außergewöhnlichen Zusammenspiel aus Herkunft, Destillation, Holz und vor allem Zeit.

Die Grande Champagne – das Fundament großer Cognacs

Der Mauxion 19.38 stammt aus der Grande Champagne, dem prestigeträchtigsten Cru der Cognac-Region in Frankreich. Die kalk- und kreidehaltigen Böden dieser Region liefern Trauben mit einer vergleichsweise hohen Säure. Verwendet wird überwiegend die Rebsorte Ugni Blanc, aus der zunächst eher schlanke und unscheinbare Grundweine entstehen. Für den direkten Genuss wären diese Weine wenig ansprechend. Für die Herstellung langlebiger Cognacs sind sie jedoch nahezu ideal.

Die hohe Säure sorgt für einen besonders stabilen Grundwein und schafft ideale Voraussetzungen für die Destillation. Das daraus gewonnene Eau-de-vie gilt als fein, elegant und außergewöhnlich lagerfähig.

Während viele Spirituosen nach einigen Jahrzehnten ihren Höhepunkt überschreiten können, gelten die Eaux-de-vie der Grande Champagne als besonders langlebig und werden von vielen Produzenten erst nach jahrzehntelanger Reifung als vollständig entwickelt angesehen.

Das Fass arbeitet – jahrzehntelang

Nach der Destillation beginnt die eigentliche Verwandlung. Traditionell reifen Cognacs in französischen Eichenfässern, häufig aus Limousin-Eiche. Diese Eichenart, die aus den Wäldern im Zentralmassiv östlich der Cognac-Region stammt, besitzt eine vergleichsweise grobe Struktur und enthält hohe Mengen natürlicher Gerbstoffe, die sogenannten Tannine.

Über die Jahre gehen zahlreiche Aromastoffe aus dem Holz in den Cognac über. Dabei entstehen klassische Noten von Vanille, Gewürzen, feinen Hölzern und gelegentlich sogar Anklänge von Sandelholz oder Zigarrenkiste.

Doch das Holz gibt seine Aromen nicht einfach nur ab. Die Inhaltsstoffe verändern sich ständig weiter. Was in jungen Jahren noch kräftig, rau und kantig wirkt, wird mit zunehmender Reife immer harmonischer und vielschichtiger.

Sehr alte Cognacs verbringen ihre letzten Jahrzehnte in sogenannten neutralen Fässern. Das sind Behältnisse, die nach vielen Füllungen kaum noch extrahierbare Verbindungen abgeben. Dadurch liefert das Fass keine Aromen mehr, sondern nur noch den kontrollierten Sauerstoffaustausch über die Holzporen, der für die weitere Aromaintegration notwendig ist. Dass ein Cognac dieses Alters nicht nach Holz schmeckt, sondern nach Frucht und Gewürz, ist genau darauf zurückzuführen: Das Holz ist längst still geworden, der Cognac aber nicht.

Warum aus frischen Früchten plötzlich Datteln werden

Ein faszinierender Teil der Cognac-Reifung spielt sich auf molekularer Ebene ab. Während der Lagerung reagieren Alkohole und organische Säuren miteinander und bilden sogenannte Ester. Diese wichtige Stoffgruppe ist für viele fruchtige Aromen verantwortlich.

In jüngeren Destillaten erinnern diese Ester häufig an frische Früchte wie Birnen, Äpfel oder helle Steinfrüchte. Mit den Jahrzehnten verändert sich dieses Aromaspektrum jedoch. Die Frucht wirkt dunkler, konzentrierter und auch reifer. So entstehen jene Eindrücke von gereiften Aprikosen, Datteln, Feigen, Sultaninen oder Pflaumen, die viele Liebhaber alter Cognacs besonders schätzen.

Die Fruchtigkeit verschwindet also nicht, sie entwickelt sich weiter.

Das Fass atmet mit

Ein Cognacfass ist – wie generell alle Eichenfässer zur Lagerung von Spirituosen – niemals vollständig geschlossen. Denn über die Poren und winzigen Zwischenräume der Holzdauben dringen kleinste Mengen Sauerstoff von der Umgebung in das Fass ein. Man sagt: das Fass „atmet ein“. Gleichzeitig verdunstet jedes Jahr ein Teil des Destillats während der Reifung: der berühmte „Angels‘ Share“ (Anteil der Engel). Das Fass „atmet wieder aus“. Dieser kontinuierliche Austausch macht das Fass zu einem dynamischen Reifungssystem.

Der langsame Sauerstoffeintrag verändert die Aromastoffe in dem reifenden Cognac kontinuierlich. Gerbstoffe verändern ihre Struktur, aggressive Komponenten verlieren an Dominanz und neue Aromaverbindungen entstehen. Das Ergebnis ist jene Weichheit und Eleganz, die große alte Cognacs auszeichnet.

Interessanterweise wird der Cognac dabei nicht einfacher, sondern komplexer. Mit jedem Jahrzehnt wächst die Zahl der miteinander wechselwirkenden Aromaverbindungen. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei um ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Esterbildung, Oxidation, Holzextraktion und molekularen Umwandlungsprozessen. Ein Vorgang, der sich langsam über Jahrzehnte fortsetzt.

Das Geheimnis großer alter Cognacs: Rancio

Wer sich intensiver mit Cognac beschäftigt, begegnet früher oder später einem Begriff, der unter Kennern beinahe ehrfürchtig ausgesprochen wird: Rancio.

Rancio beschreibt eine Aromatik, die sich erst nach sehr langer Reifung entwickelt und als eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale großer alter Cognacs gilt. Typische Assoziationen sind getrocknete Früchte, Walnüsse, Bienenwachs, edle Hölzer, Leder oder feine Gewürze. Manche Verkoster sprechen sogar von einer leicht pilzigen oder trüffelartigen Tiefe. Dazu zählen auch die Noten von Marzipan, Nuss und Mandelgebäck, die durch oxidative Umwandlungsprozesse entstehen und die im Rancio ihre eigentliche Heimat finden.

Chemisch entsteht Rancio durch zahlreiche oxidative Prozesse und den langsamen Umbau von Fettsäuren, Estern und Holzinhaltsstoffen. Sensorisch sorgt er für eine zusätzliche Dimension, die junge Spirituosen schlicht nicht besitzen können. Rancio lässt sich nicht künstlich erzeugen und nicht beschleunigen. Er benötigt Zeit, viel Zeit.

Ein flüssiges Archiv vergangener Jahrzehnte

Genau deshalb faszinieren historische Cognacs wie unser Mauxion 19.38. Seine Aromen erzählen nicht nur von Trauben, Holz und Destillation, sondern auch von Jahrzehnten kontinuierlicher Entwicklung. Jede Verkostung eröffnet einen kleinen Einblick in Prozesse, die über Generationen hinweg stattgefunden haben.

Viele vergleichbare Cognac-Bestände sind bereits verschwunden. Sie wurden über die Jahrzehnte konsumiert, verkauft oder in größere Assemblagen integriert. Jede erhaltene Abfüllung ist deshalb weit mehr als nur eine Spirituose.

Denn Cognacs wie der Mauxion 19.38 stammen aus einer Zeit, in der Weinbau, Destillation und Fasslagerung noch deutlich weniger standardisiert waren als heute. Jede erhaltene Abfüllung vermittelt daher nicht nur die Wirkung jahrzehntelanger Reifung, sondern auch einen Eindruck historischer Cognac-Stile, die heute kaum noch verfügbar sind.

Unser Mauxion 19.38 ist ein flüssiges Archiv vergangener Jahrzehnte. Entstanden auf den Kreideböden der Grande Champagne, geprägt von traditioneller Destillation und geformt durch zwei der wertvollsten Faktoren überhaupt: Zeit und Geduld.

Facebook
LinkedIn

Weitere Beiträge